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Warum die Sechs in der Schweiz die beste Note ist – und die Eins in Deutschland Lesezeit: 8 Minuten

Wer in der Schweiz zur Schule gegangen ist, weiss es intuitiv: Eine Sechs ist hervorragend, eine Vier genügt, alles darunter wird kritisch. In Deutschland hingegen gilt das Gegenteil: Die Eins ist die Bestnote, die Vier gerade noch ausreichend.

Diese spiegelbildliche Logik wirkt auf den ersten Blick irritierend – zumal beide Länder im selben Kulturraum liegen, ähnliche Bildungstraditionen kennen und ihre Schulsysteme historisch eng miteinander verflochten sind. Weshalb also diese Differenz?

Diese Unterschiede haben weniger mit «besser» oder «schlechter» zu tun, als oft vermutet wird, sondern mit Bildungsgeschichte, föderalen Strukturen und pragmatischen Lösungen.

Gemeinsame Wurzeln: Schulnoten sind älter, als man denkt

Gestufte Leistungsbeurteilungen sind keine Erfindung der Moderne. Bereits im 17. Jahrhundert finden sich im deutschsprachigen Raum systematische Formen der Bewertung. Ein zentrales Referenzdokument ist der Gothaer Schulmethodus von Andreas Reyher (1642/1662), der erstmals eine staatlich geregelte Schulorganisation mit abgestuften Leistungsurteilen vorsah.

Bewertet wurden damals nicht nur fachliche Leistungen, sondern auch Verhalten und Begabung – allerdings noch ohne Ziffern. Statt Zahlen verwendete man qualitative Beschreibungen wie «sehr gut», «gut» oder «schwach». Ziel war es, Lernstände ökonomisch, nachvollziehbar und für die Öffentlichkeit verständlich festzuhalten.

Aus diesen frühen Modellen entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte jene numerischen Notensysteme, die wir heute kennen – allerdings auf unterschiedlichen Wegen.

Schulnoten als frühes Verwaltungsinstrument

Gestufte Leistungsbewertungen entstanden dabei keineswegs aus einem pädagogischen Ideal heraus. Historisch dienten sie zunächst ganz praktischen Zwecken: Sie sollten Lernstände dokumentieren, schulische Qualität überprüfbar machen und gegenüber Gemeinden, Kirchen oder später staatlichen Stellen Rechenschaft ermöglichen.

Gerade im föderalen Raum der Schweiz entwickelten sich solche Beurteilungsformen lokal und pragmatisch. Öffentliche Examen, Zeugnisse und Prüfungen dienten weniger der Hierarchisierung als der Steuerung und Kontrolle. Die zentrale Frage lautete: Erfüllte die Schule ihren Auftrag? Konnten Kinder lesen, schreiben und rechnen?

Erst mit der Durchsetzung der Schulpflicht im 19. Jahrhundert gewannen Noten jene biografische Bedeutung, die wir heute mit ihnen verbinden. Von nun an entschieden sie nicht mehr nur über den nächsten Lernschritt, sondern zunehmend über Bildungswege und berufliche Perspektiven. Die Notenskala wurde damit zu einem zentralen Ordnungsinstrument moderner Massenschule – allerdings ohne dass ihre konkrete Ausgestaltung je einheitlich festgelegt gewesen wäre.

Deutschland: Die Logik der Rangordnung

Dass in Deutschland die Note 1 die beste Leistung markiert, ist historisch gut erklärbar. Das deutsche Notensystem ist eng mit der preussischen Verwaltungs- und Bildungstradition des 19. Jahrhunderts verbunden. Schule diente hier zunehmend der Selektion: für höhere Bildungswege, für den Staatsdienst, für militärische Laufbahnen.

Die beste Leistung stand an erster Stelle – die Ziffer 1 entsprach also einem Rangplatz. Diese Logik setzte sich durch und wurde schrittweise ausgebaut. Um 1850 waren zunächst drei, später vier Prädikate gebräuchlich. 1938 wurde im Deutschen Reich eine reichseinheitliche sechsstufige Skala eingeführt, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Kultusministerkonferenz bestätigt und bis heute beibehalten wurde.

Die Richtung der Skala blieb dabei unverändert: 1 = sehr gut, 6 = ungenügend. Sie ist Ausdruck einer Ordnung, in der Leistung klar hierarchisiert und vergleichbar gemacht werden sollte.

Die Schweiz: Föderale Vielfalt statt früher Einheit

In der Schweiz verlief die Entwicklung ganz anders – und deutlich uneinheitlicher. Entgegen der heutigen Wahrnehmung war die aufsteigende Skala mit der 6 als Bestnote keineswegs von Anfang an selbstverständlich.

Im Gegenteil: Über Jahrzehnte hinweg existierten kantonal höchst unterschiedliche Systeme. Ein besonders aufschlussreicher Beleg sind die sogenannten pädagogischen Rekrutenprüfungen, die der Bund ab 1875 durchführte, um die Qualität der kantonalen Volksschulen zu überprüfen. Bewertet wurden Lesen, Schreiben und Rechnen – und zwar mit einer Skala, bei der die Note 1 die beste Leistung markierte. Auch in den 1908 eingeführten Turnprüfungen der Schweizer Armee war die Eins die Höchstnote.

Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts begannen einzelne Kantone, ihre Skalen umzustellen. Diese Wechsel erfolgten uneinheitlich, lokal und pragmatisch: In Dagmersellen (LU) etwa wurde die Sechs bereits in den 1920er-Jahren zur Bestnote, während andere Kantone erst um 1970 nachzogen.

Von einem pädagogischen Manifest oder einer bewussten Abkehr von «preussischem Denken» kann keine Rede sein.

Unterschiedliche Logiken: Rang oder Aufbau

Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Logik hinter den Zahlen. Im deutschen System folgt die Notenskala der Idee eines Rangs: Wer die beste Leistung erbringt, steht an erster Stelle – erhält also die Note 1. Alle anderen Leistungen werden davon ausgehend abgestuft.

In der Schweiz lässt sich die aufsteigende Skala dagegen leichter als ein Modell des Aufbaus lesen. Eine höhere Zahl steht nicht für einen besseren Platz, sondern für mehr erreichte Lernziele. Wer eine Vier erreicht, hat die grundlegenden Anforderungen erfüllt; jede weitere Steigerung signalisiert zusätzlichen Lernfortschritt.

Das hat einen psychologischen Vorteil: Leistung erscheint weniger als etwas, das man durch Fehler verliert, sondern als etwas, das man Schritt für Schritt aufbaut. Eine Note ist damit kein Urteil über den Rang eines Kindes, sondern eine Momentaufnahme seines Lernstands.

Harmonisierung aus Pragmatismus

Historisch war diese Lesart allerdings kein Entscheidungsgrund. Die Vereinheitlichung der Notenskala im Zuge der Schulkoordination ab 1970 war primär ein administrativer Akt des kooperativen Föderalismus. Ziel war es, kantonale Unterschiede abzubauen, Zeugnisse vergleichbar zu machen und schulische Übergänge zu erleichtern.

Die aufsteigende Skala setzte sich dabei vor allem aus pragmatischen Gründen durch: Sie ist rechnerisch intuitiv, vereinfacht die Bildung von Durchschnittswerten und erleichtert den Anschluss auch an internationale Bewertungssysteme. Die Logik des Aufbaus war somit kein eigentliches Motiv, sondern ein positiver Nebeneffekt.

Dass bei Abschlussprüfungen in der Schweiz gelegentlich auch von «Rängen» gesprochen wird, widerspricht dieser Logik nicht. Ränge dienen der Auszeichnung besonders guter Leistungen – die eigentliche Leistungsbeurteilung erfolgt weiterhin über Noten, nicht über Platzierungen.

Albert Einstein – ein hartnäckiges Missverständnis

Kaum ein Beispiel illustriert die Missverständnisse rund um Schulnoten so eindrücklich wie Albert Einstein. Bis heute hält sich die Behauptung, Einstein sei ein schlechter Schüler gewesen und habe in der Schule versagt.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Als Einstein 1896 an der Kantonsschule Aarau seine Matura ablegte, galt dort bereits die aufsteigende Notenskala: Die 6 war die beste, die 1 die schlechteste Note. In seinem Maturazeugnis finden sich entsprechend mehrere Sechser – unter anderem in Mathematik und Physik.

Das Missverständnis entstand erst später, als deutsche Biografen Einsteins Zeugnis nach deutschem Notenverständnis lasen. Dort steht die 6 für eine ungenügende Leistung. Was in der Schweiz eine Spitzenleistung war, erschien aus deutscher Perspektive als schulisches Scheitern.

Der Mythos vom schlechten Schüler Einstein ist damit kein pädagogischer Befund, sondern das Resultat einer falsch gelesenen Notenskala. Gerade dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie sehr Schulnoten vom jeweiligen System abhängen – und wie wenig aussagekräftig sie ohne ihren historischen und kulturellen Kontext sind.

Der Wendepunkt: Harmonisierung statt Ideologie

Die heute verbreitete Einheitlichkeit ist das Resultat eines Harmonisierungsprozesses, nicht eines pädagogischen Grundsatzentscheids. Mit dem Konkordat über die Schulkoordination von 1970 verpflichteten sich die Kantone, zentrale Eckwerte des Schulwesens anzugleichen – etwa Schuldauer, Schuleintritt oder Abschlüsse.

Ziel war die Mobilität der Schülerinnen und Schüler zwischen den Kantonen sowie die Vergleichbarkeit von Zeugnissen und Diplomen. In diesem Kontext erwies sich eine einheitliche Notenskala als notwendig. Die aufsteigende Skala setzte sich faktisch durch, weil sie praktisch, rechnerisch intuitiv und anschlussfähig war – nicht, weil sie ideologisch aufgeladen gewesen wäre.

Im Nachhinein zeigte sich zudem ihre mathematische Plausibilität: Höhere Punktzahlen führen zu höheren Noten, Durchschnitte lassen sich transparent berechnen. Die Entscheidung war vor allem eines: pragmatisch.

Zwei Systeme, zwei Logiken – aber keine Wertung

Bis heute unterscheiden sich die Systeme nicht nur in der Richtung der Skala, sondern auch in ihrer Anwendung. In der Schweiz sind Halb- und Viertelnoten verbreitet, Kompensationsregeln oft streng, die Bestehensgrenze klar definiert. In Deutschland dominieren ganze Noten, Ausgleichsmechanismen sind flexibler.

Interessant ist dabei: In der gymnasialen Oberstufe arbeitet Deutschland längst mit einem 15-Punkte-System – ebenfalls aufsteigend. Die mathematische Logik der «Schweizer» Skala ist also auch dort längst angekommen.

All das zeigt: Nicht die Zahl entscheidet über die Qualität eines Bildungssystems, sondern die Art, wie Leistungen beurteilt, rückgemeldet und weitergeführt werden.

Noten heute: Orientierung statt Schicksal

Die Debatte um Schulnoten ist fast so alt wie die Noten selbst. Kritisiert werden ihre Subjektivität, ihre begrenzte Aussagekraft und ihr psychologischer Druck. Gleichzeitig zeigen bildungshistorische Analysen: Noten haben sich nicht aus Ignoranz gehalten, sondern weil sie kommunikativ effizient, gesellschaftlich verständlich und organisatorisch tragfähig sind.

Der deutsche Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, langjähriger Professor an der Universität Zürich, bringt es auf den Punkt: Entscheidend ist nicht die Abschaffung der Noten, sondern ihre transparente, kriteriale und verantwortungsvolle Verwendung. Noten sind Momentaufnahmen von Leistungen – keine Urteile über Personen und keine Prognosen für Lebenswege.

Einordnung

Dass in der Schweiz die beste Note eine Sechs ist und in Deutschland eine Eins, ist kein Ausdruck gegensätzlicher pädagogischer Philosophien. Es ist das Ergebnis historischer Pfade, föderaler Strukturen und pragmatischer Lösungen.

Wer diese Geschichte kennt, versteht: Schulnoten sind keine Naturgesetze – aber auch keine blosse Willkür. Sie sind Werkzeuge. Entscheidend ist, wie man sie nutzt: zur Einordnung, zur Orientierung und vor allem dazu, Lernen als Entwicklung sichtbar zu machen.

Wer Schulnoten historisch einordnet, erkennt: Sie sind keine zeitlosen Wahrheiten, sondern kulturelle Vereinbarungen. Ihre Aussagekraft entsteht nicht durch die Ziffer, sondern durch Transparenz, Vergleichbarkeit und pädagogische Verantwortung.

Christian Rieder
Christian Rieder Kommunikationsleiter

Als Leiter Kommunikation bei fit4school verbindet Christian Rieder journalistische Sorgfalt mit einem tiefen Verständnis für die Alltagsrealitäten von Familien, Schule und Lernen. Seine Beiträge beleuchten Bildungsthemen verständlich, präzise und richtig eingeordnet – immer mit dem Ziel, Eltern und Schüler:innen Orientierung zu geben.

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